Wenn der Partner sich gehen lässt

Wenn sich Ihr Partner immer mehr gehen lässt und sich äußerlich zu seinem Nachteil verändert dann heißt es handeln. Tipps der Psychologin Dr. Doris Wolf.

Wenn der Partner sich gehen lässt
© Henley Design Studio, unsplash.com

Lässt Ihr Partner sich gehen und achtet wenig auf sein Äußeres? Was könnten die Ursachen für die Vernachlässigung sein und was können Sie tun?

"Mein Partner lässt sich immer mehr gehen", diese Klage höre ich oft in der Therapie. Betroffene wollen damit ausdrücken, dass ihr Partner sich zu seinem Nachteil verändert hat. Er achtet weniger auf die Körperpflege, läuft zuhause nur noch mit Jogginghosen rum, rasiert sich nicht mehr, duscht selten, hat fettige Haare oder sitzt nur noch vor dem Fernseher. Ist es aber nicht so, dass unsere Partnerschaft uns einen Freiraum bieten soll, an dem wir ganz nach uns und unseren Bedürfnissen gehen dürfen? Ist es nicht ein Zeichen von Vertrauen und Wohlfühlen, wenn wir uns gehen lassen können? Das ist eine Frage der Häufigkeit und des Ausmaßes. Gehen lassen kann sich ganz unterschiedlich äußern und damit den Partner auch ganz unterschiedlich in Mitleidenschaft ziehen und stören. Gibt unser Partner seine guten Manieren auf und beginnt z.B., beim Essen zu rülpsen, dann stört dies uns wahrscheinlich mehr, als wenn er auf dem Sofa herumgammelt. Ungewaschen oder mit fettigen Haaren umherzulaufen, ekelt uns vielleicht mehr, als wenn er immer ein und dieselbe Hose anzieht. Wenn wir uns ab und zu mal ganz fallenlassen, dann ist das gesund und hilfreich. Es hilft uns, neue Kräfte zu tanken und zu uns zu finden. Ziel dabei ist es, einfach nur da sein zu können und in Ruhe gelassen zu werden, ohne Rücksicht auf den anderen nehmen zu müssen. Es ist der Gegenpol zu gesellschaftlichen Anforderungen, uns anpassen und nach den Regeln anderer funktionieren und Leistung erbringen zu müssen. Fährt unser Partner generell seinen Einsatz für sein Äußeres zurück, wird es zu einem emotionalen, gesundheitlichen und sozialen Problem. Wir verlieren den Respekt unserem Partner gegenüber und dies belastet die Partnerschaft. Lassen wir uns gehen, dann signalisieren wir dem Partner, dass er für uns nicht mehr wichtig ist und es sich für uns nicht lohnt, uns für ihn zu bemühen. Gleichzeitig verlieren wir auch den Respekt uns gegenüber. Unsere Fähigkeiten und Fertigkeiten werden nicht mehr ausgeschöpft. Unser Selbstwertgefühl schwächt sich zusehends. Wenn wir uns nicht mehr gut um unseren Körper kümmern, können wir gesundheitliche Probleme bekommen. Für unseren Partner und andere Menschen sind wir nicht mehr interessant und diese ziehen sich mit der Zeit zurück.

Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen beim Sich-gehen-lassen?

Es gibt sowohl Männer als auch Frauen, die in ihren Bemühungen um ihr Äußeres nachlassen. Männer neigen in der Partnerschaft jedoch eher dazu, sich gehen zu lassen. Sie sehen in der Partnerschaft eher einen Ort des Ausruhens, an dem man sich vom beruflichen Stress erholen kann und ganz nach seinen Bedürfnissen gehen darf. Frauen wollen eher an ihrer Beziehung arbeiten, Bilanz ziehen, diskutieren, darüber sprechen, was gut und schlecht ist. Sie sorgen sich auch mehr darum, ob es dem Partner gut geht und die Partnerschaft harmonisch ist. Außerdem ziehen Frauen ihr Selbstwertgefühl häufig aus ihrer Attraktivität und der Anerkennung durch den Partner. Deshalb achten Sie mehr auf ihr Äußeres.

Warum lassen wir uns gehen?

Unterschiedliche Ursachen und Auslöser können dazu führen, dass wir uns gehen lassen:

  • Wir fühlen uns beruflich überfordert, sind ausgebrannt und lassen an der Stelle in unserem Einsatz nach, die uns noch am sichersten erscheint – nämlich in unserer Partnerschaft.
  • Wir leiden unter einer Depression und haben keine Kraft, uns um uns zu kümmern.
  • Wir haben die Einstellung, dass wir für unsere Partnerschaft nichts mehr tun müssen, wenn wir erst mal verheiratet sind.
  • Wir haben die Einstellung, dass unser Partner uns so lieben sollte, wie wir uns geben. (Liebestest)
  • Wir lehnen uns selbst ab, fühlen uns nicht wert, „Besseres zu verdienen”.
  • Wir drücken mit dem Sich-gehen-lassen indirekt Aggressionen gegenüber unserem Partner aus, statt uns offen darüber zu äußern, was uns in der Partnerschaft fehlt oder stört.
  • Wir gehen den bequemen Weg, sehen nur die kurzfristigen Vorteile des Sich-gehen-lassens und nicht die langfristigen Nachteile für uns und für den Partner.
  • Wir fühlen uns ungeliebt, vernachlässigt und rächen uns durch unser nachlässiges Äußeres.
  • Wir haben übergroße Erwartungen an unseren Partner. Da sie nicht erfüllt werden, verweigern wir uns.
  • Wir haben generell eine negative Lebenseinstellung und sind verbittert, glauben, dass wir im Leben nichts mehr zu erwarten haben.
  • Wir wollen unseren Partner zur Trennung provozieren.

Was tun, wenn Sie sich immer mehr gehen lassen?

Bevor wir entscheiden können, ob wir uns verändern, müssen wir erst einmal die Hürde überwinden, uns einzugestehen, dass wir uns wirklich gehen lassen. Das ist gar nicht so einfach, denn wenn wir uns gehen lassen, empfinden wir dies meist selbst erst einmal als bequem und entlastend. Wir haben vielleicht den Eindruck, uns wohlzufühlen, wenn nur unser Partner nicht immer wieder so an uns herumnörgeln würde. Hier kann ein Blick zurück helfen, wie wir früher waren und was wir damals für uns und für unseren Partner gemacht haben. Wenn wir uns gehen lassen, liegt das Problem immer bei uns selbst. Entweder kommen wir selbst mit uns und dem Leben nicht klar oder nicht damit, wie unser Partner mit uns umgeht. Entscheidend ist, wie wir dieses Problem lösen - ob wir unsere Einstellung/Erwartungen ändern, mit unserem Partner sprechen, unser Verhalten ändern oder in selbst zerstörerische Verhaltensweisen verfallen.

Sehen Sie Ihr nachlässiges Verhalten als Signal, dass etwas in Ihrem Leben nicht stimmt.

Ergründen Sie die Ursachen für Ihr Sich-gehen-lassen. Gehen Sie zurück zu dem Zeitpunkt, als Sie begonnen haben, sich zu verändern. Was ist damals geschehen?

  • Haben Sie sich eifersüchtig, ärgerlich oder gekränkt von Ihrem Partner gefühlt? Welche Schlussfolgerung haben Sie daraus gezogen? Haben Sie z.B. gedacht: „Wenn ich von meinem Partner nicht bekomme, was ich will, dann mache ich auch nichts mehr für ihn.“?
  • Fühlen Sie sich generell erschöpft, überlastet oder überfordert? Leiden Sie vielleicht unter einer Depression? Machen Sie den Depression Test.

 

Fragen Sie sich:

  • Gibt es andere Möglichkeiten, mein Ziel zu erreichen, als durch dieses destruktive Verhalten, mich immer mehr gehen zu lassen? Kann ich z.B. meinen Wunsch nach mehr Aufmerksamkeit oder meinen Ärger anders ausdrücken, als durch mein Gehenlassen? Sollte ich mich trennen, mir einen Freundeskreis aufbauen, ein Hobby suchen?
  • Möchte ich weiterhin so leben? Was passiert in meinem Leben, wenn ich mich weiterhin so verhalte? Welche Nachteile/Verluste werde ich im Leben haben? Im Beruf, im Freundeskreis, beim Partner, für meine persönliche Entwicklung? Welche Ziele werde ich nicht erreichen, wenn ich  mich weiterhin so verhalte? Was entgeht mir im Leben?
  • Was würde ich gewinnen, wenn ich mich wieder voll einsetzen würde? Wie würde ich beruflich sozial, emotional besser dastehen? Wie habe ich mich früher gefühlt, als ich noch mehr Einsatz brachte?
  • Was kann ich tun, um mich beruflich zu entlasten und wieder mehr Kraft für mich und die Partnerschaft zu haben?
  • Was kann ich tun, um wieder mehr Lebensfreude, Anerkennung, Spaß ... zu haben?

Erstellen Sie dann einen konkreten Plan, was genau Sie täglich anders machen möchten. Malen Sie sich möglichst oft in der Phantasie lebendig aus, wie Sie sich dann besser fühlen werden. Loben Sie sich für jeden kleinen Schritt.

Was tun, wenn Ihr Partner sich gehen lässt?

Kontrolle haben Sie nicht über Ihren Partner. Jedoch sollten Sie auf keinen Fall schweigend oder duldend zusehen, wenn Ihr Partner sich immer mehr gehen lässt.

TIPP 1:    Geben Sie Ihrem Partner eine Rückmeldung. Ihr Partner muss wissen, dass Sie sein verändertes Verhalten registrieren und wie es bei Ihnen ankommt. Sprechen Sie mit ihm darüber, welche Veränderungen Sie an ihm beobachtet haben:

  • In letzter Zeit machst du ..., bist du ...,  hast du ...
  • Ich frage mich warum ...
  • Früher warst du ...
  • Ich wünsche mir einen ... Partner, mit dem ich ... tun kann.

Wichtig: wählen Sie für dieses Gespräch einen entspannten Augenblick und bleiben Sie ruhig, während Sie ihm Ihre Beobachtungen mitteilen. Vorwürfe, Ermahnung und Drohungen bringen in der Regel nichts.

TIPP 2:   Suchen Sie nach den Gründen für sein Sich-gehen-lassen. Wichtig ist, die Gründe herauszufinden, weshalb Ihr Partner sich verändert hat:

  • Wann hat dies begonnen? Was hat sich zu diesem Zeitpunkt ereignet?
  • Was macht er anders als früher?
  • Was ist ihm heute wichtiger als früher? 
  • Welche anderen Einstellungen als früher zeigt er?
  • Was gewinnt er durch sein Verhalten?
  • Was verliert er durch sein Verhalten?
  • Leidet er unter einer Depression?

TIPP 3:   Erinnern Sie sich mit Ihrem Partner zusammen an schöne gemeinsame Zeiten. Ihr Partner muss selbst erkennen, dass er etwas ändern muss. Er muss zu der Einsicht kommen, dass das Leben für ihn attraktiver ist, so wie er früher gelebt hat, oder sich eine neue Perspektive erarbeiten. Er muss erkennen, was ihm entgeht, wenn er sich nicht ändert, und was er gewinnen kann, wenn er sich verändert. Hierzu kann es hilfreich sein, wenn er sich daran erinnert, welche schönen Erfahrungen sie beide früher miteinander gemacht haben.

TIPP 4:   Fragen Sie Ihren Partner, was er sich von Ihnen wünscht. Ist das veränderte Verhalten Ihres Partners eine Reaktion auf Ihr Verhalten, so kann es sein, dass auch Sie sich verändern müssen. Außerdem fällt Ihrem Partner eine Veränderung leichter, wenn nicht nur er etwas ändern soll. Fragen Sie deshalb, welche Veränderungen er sich von Ihnen wünscht bzw. wie Sie ihn unterstützen können.

TIPP 5: Machen Sie Ihre Grenzen deutlich. Ihr Partner hat das Recht, sein Verhalten selbst zu wählen. Doch Sie haben das Recht, zu entscheiden, wie Sie damit umgehen. Sie dürfen eine Grenze setzen, an der Ihre Toleranz zu Ende ist. Sagen Sie Ihrem Partner in ruhigem Ton konkret, was Sie bereit sind, mitzutragen, und was nicht: „Für mich ist es wichtig, einen Partner zu haben, der sich ... verhält. Das Verhalten ... ist für mich unerträglich. Du hast das Recht, so zu bleiben, wie du bist. Dann möchte ich jedoch für mich ....”

TIPP 6: Erarbeiten Sie mit Ihrem Partner einen konkreten Plan. Gute Vorsätze sind das Eine, die Umsetzung eine andere. Mehr Erfolg haben Vorsätze, wenn Sie konkret planen, was Sie und Ihr Partner verändern möchten. Was können sie beide tun, damit es in ihrer Partnerschaft wieder mehr Harmonie und Zufriedenheit gibt? Welche Bedürfnisse von ihnen beiden müssen erfüllt werden - z.B. mehr reden, mehr Sex, mehr Zeit miteinander, mehr Komplimente, mehr Unterstützung bei ..., mehr Freiraum ...? Benennen sie ein konkretes Datum, an dem sie überprüfen, ob sie ihre Ziele erfüllt haben oder nochmals abändern müssen.

Aus meiner Eheberatung Mein Mann lässt sich nach Kündigung gehen

Wenn Ihr Partner sich gehen lässt und Sie nichts tun, wird sich Ihr Partner von selbst kaum ändern.

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