Emotionale Erpressung durch Schuldgefühle

Manipulation durch Schuldgefühle: die häufigsten Strategien der emotionalen Erpressung in der Partnerschaft. Wie sich dagegen wehren?

Emotionale Erpressung durch Schuldgefühle
© Ruvim Noga, unsplash.com

Schuldgefühle sind ein äußerst wirksames und beliebtes Mittel, um Menschen zu manipulieren. Auch in der Partnerschaft werden häufig Schuldgefühle eingesetzt, um den Partner zu manipulieren. Grundsätzlich möchte ich sagen, dass ich Schuldgefühle für überflüssig und schädlich halte. Ich weiß, dass ich bei dem einen oder anderen von Ihnen durch diese Äußerung starken Protest auslöse. Schuldgefühle können ein machtvolles Instrument sein, um Menschen zu manipulieren. Kaum etwas macht gefügiger als der Hinweis, man habe an etwas Schuld.

Meine Erfahrung ist jedoch, dass Schuldgefühle uns weder zu einem besseren Menschen machen noch uns daran hindern, das Verhalten, wegen dem wir uns Schuldgefühle machen, in Zukunft zu unterlassen. In meinen Augen reicht es völlig, sich einen Fehler einzugestehen und diesen, wenn möglich, zu korrigieren. "Wenn du es nicht machst, dann muss ich es halt selbst machen" "Na, ja, dann kommst du eben nicht. Ich werde schon alleine zurechtkommen." (gesprochen mit weinerlicher Stimme). Was lösen solche Sätze in Ihnen aus? Höchstwahrscheinlich fühlen Sie sich schuldig. Sie überlegen sich, ob Sie die Arbeit nicht doch machen bzw. nicht doch Ihren Zahnarzt-Termin absagen und kommen können. Es gibt unzählige Strategien, wie andere versuchen, uns zu beeinflussen und in eine bestimmte Richtung zu drängen. Wir wollen uns deshalb damit befassen, wie wir auf die Manipulationsversuche der anderen reagieren können.

Welche Techniken der emotionalen Erpressung gibt es?

Jeder Mensch versucht bisweilen, andere zu beeinflussen und in seinem Sinne umzustimmen. Wir haben in unserer Kindheit die Erfahrung gemacht, dass ein schlechtes Gewissen uns und andere bereit macht, "klein" beizugeben. Auch unsere Eltern haben ab und zu Schuldgefühle als Erziehungsmittel eingesetzt und tun dies vielleicht auch heute noch. Und warum sollten wir nicht auch diese Techniken einsetzen, wenn sie gut funktionieren?

Vorwürfe wie

  • "Wie konntest du mich nur so behandeln",
  • "Von dir hätte ich das am allerwenigsten erwartet",
  • "Du hast mich verletzt" ,
  • "Ich bin schwer enttäuscht von Dir"
  • "Mir wäre das nicht passiert",
  • "So unfair, wie du dich mir gegenüber verhältst",
  • "Wenn man sich liebt, dann macht man das nicht ...",
  • "Wenn du mich lieben würdest, hättest du ...",
  • "Na ja, dann mach ich es eben selbst ...",
  • "Ich hatte mich so gefreut, aber wenn es halt nicht geht ...",
  • "Muß das denn sein?", "Du bringst mich noch ins Grab, wenn du so weitermachst",

sind schon jedem über die Lippen gekommen.

Andere setzen Schuldgefühle meist dann ein, wenn sie sich verletzt fühlen oder es "uns heimzahlen" wollen - als Rache oder Bestrafung. Sie treibt die Hoffnung, dass wir uns ändern, weil wir uns schlecht fühlen. Häufig verwenden sie dabei das Wörtchen "man": "Man tut nicht oder man tut", um sich quasi noch Rückendeckung von der Allgemeinheit zu holen. Sie tun so, als ob sie allgemeingültige Regeln vertreten, in Wirklichkeit sind es meist jedoch nur ihre eigenen. Schuldgefühle werden von den Eltern, vom Freund, Partner und den Kindern eingesetzt, um uns zu von ihm erwünschtem Verhalten zu bewegen und sich durchzusetzen.

Die gebräuchlichsten Strategien der emotionalen Erpressung sind:

uns an unsere Verpflichtung innerhalb der Beziehung zu erinnern: "Du hattest mir doch versprochen, dass ..."

uns zu erinnern, dass sie wegen uns ein Opfer bringen müssen: "Wenn du es nicht machst, muss ich halt auf meinen Feierabend/Kurs verzichten"

uns klarzumachen, dass sie selbst mehr für die Beziehung tun: "Ich habe jetzt schon viermal eingekauft und du hast dich noch kein einziges Mal darum gekümmert"

uns auf Widersprüche zwischen Vorsatz und Verhalten hinzuweisen: "Du rauchst ja schon wieder. Ich dachte, du wolltest aufhören."

unsere Gefühle in Frage zu stellen: "Wenn dir etwas an mir läge, dann würdest du ..."

nonverbal Leiden und Kränkung zu signalisieren durch Trotzen, nicht sprechen, leidende Blicke, Stöhnen, sich nicht melden.

nach Jahren noch an vergangene "Untaten" zu erinnern: "Weißt du noch, damals ... Das kann ich dir nie verzeihen"

uns mit anderen zu vergleichen: "Der Mann meiner Freundin macht doch auch ..." "Andere Mütter sind ganz glücklich, wenn sie ihre Enkel hüten dürfen".

auf die schlechte Meinung anderer zu verweisen: "Was würden deine Eltern nur von dir denken"

den Märtyrer zu spielen, indem sie sich aufopfern und versuchen, uns in Zugzwang zu bringen. "So viel wie ich für dich tue, da musst du doch wenigstens ..."

Durch dieses "Schuld-Programm" lassen wir uns nur allzu leicht manipulieren. Wir fühlen uns eingeengt, unter Druck gesetzt. Doch meist brodelt in unserem Innern auch Widerstand. Scheinbar haben wir nur zwei schlechte Alternativen zur Verfügung:

1. Wir richten uns nach den Vorstellungen des anderen und haben den Eindruck, gezwungen zu sein.

2. Wir richten uns nicht nach seinen Wünschen und haben Schuldgefühle. Langfristig können Schuldgefühle eine Beziehung gehörig belasten oder sogar zur Beendigung der Beziehung führen.

Wir haben es satt, uns in unserer Freiheit ständig beschnitten zu sehen und ständig mit schlechtem Gewissen umherlaufen zu müssen. Entscheiden wir uns für die Märtyrerrolle, indem wir unsere Wünsche zurückstellen und alles für den anderen tun, in der Hoffnung, es komme eines Tages zu uns zurück, befinden wir uns meist in einer ausweglosen Position: Unsere Interessen werden nicht umgesetzt und wir bekommen nichts zurück. Die Manipulation durch emotionale Erpressung ist keine hilfreiche Strategie im Umgang mit anderen Menschen.

Was steckt hinter der emotionalen Erpressung?

Im Grunde genommen fühlt sich derjenige, der erpresst, in der Opferrolle.

  • Er glaubt, unsere Anerkennung und Liebe zu brauchen. Er glaubt, ohne uns nicht leben zu können. Er will mehr Zuwendung.
  • Er hat riesige Erwartungen an uns und glaubt, nicht zufrieden sein zu können, wenn wir diese nicht erfüllen.
  • Er fühlt sich verletzt und gekränkt und will uns zeigen, wie stark er verletzt wurde. (indirekte Kommunikation)
  • Er äußert seine Wünsche nicht, erwartet stillschweigend, dass wir sie erfüllen. Da wir nicht hellsehen können und sie deshalb nicht (immer) erfüllen können, fühlt er sich ungeliebt.
  • Er fühlt sich zu kurz gekommen, nicht genügend gewürdigt.
  • Er will sich rächen.
  • Er hat Aggressionen und hat Angst, sie offen auszudrücken.

Wie eine emotionale Erpressung erkennen?

  • an unseren Gefühlen: Wir fühlen uns unter Druck, wütend, hilflos, schuldig oder ängstlich.
  • an unserem Verhalten: Wir handeln wider unsere eigenen Bedürfnisse und nehmen uns zurück;
  • an unseren Gedanken: Wir glauben, uns falsch zu verhalten; schuldig zu sein; wir sehen uns verantwortlich für das Unglücklichsein des anderen; wir verurteilen uns als zu egoistisch. Wir beginnen zu rechnen, wer was wann und wie häufig tut.

Was passiert, wenn man emotional erpreßt wird und der Erpressung nachgibt?

  • man redet sich ein, nachgeben ist nicht so schlimm
  • man sagt sich, dass eigene Wünsche es nicht wert sind
  • man sagt, dass nachgeben besser ist, als Gefühle zu verletzen
  • man tritt nicht für sich selbst ein
  • man gibt Macht ab
  • man tut Dinge, um anderen zu gefallen, und ist sich unsicher über eigene Bedürfnisse
  • man fügt sich.

Sind wir herzlos, wenn wir nicht auf eine emotionale Erpressung reagieren?

Es geht keinesfalls darum, die Gefühle und Bedürfnisse des anderen zu ignorieren. Den Weg, den er einschlägt, seine Gefühle zu äußern, müssen wir dennoch nicht unterstützen und gut finden. Zudem sind unsere Schuldgefühle ein schlechter Berater. Ziel sollte sein,

  • sich bewusst zu machen, welche Gefühle und Bedürfnisse unser Gegenüber hat
  • uns zu überlegen, was wir wirklich wollen
  • zu überprüfen, ob wir mit unserem Verhalten tatsächlich für die Gefühle des anderen verantwortlich sind bzw. ihm schaden.

Wie sich nicht mehr manipulieren lassen?

Machen Sie sich deutlich: wenn ein anderer Ihnen Egoismus vorwirft, dann ist er selbst egoistisch. Er will Sie gefügig machen, indem er Ihnen mit seinem Hinweis Schuldgefühle einreden will. Erinnern Sie sich daran: für seine Gefühle ist der andere selbst verantwortlich. Auch wenn Sie nicht nach seinen Vorstellungen funktionieren, sind Sie kein schlechter Mensch. Er kann genauso gut seine Erwartungen revidieren: "Er/Sie muss tun, was ich will, erst dann mag ich sie/ihn". Akzeptieren Sie, dass der andere sich schlecht fühlt, aber suchen Sie nicht gleich bzw. nicht immer die Schuld bei sich: "Es ist schade, dass du das so ... siehst. Dann musst du dich schlecht fühlen. Ich tue ... das, nicht um dir weh zu tun". Lassen Sie den anderen sich erst einmal zurückziehen, wenn er sich ausschweigt oder mauert. Gehen Sie Ihren Aktivitäten OHNE schlechtes Gewissen nach. Er wird wieder auf Sie zukommen, wenn er sich "abgeregt" hat. Erinnern Sie sich daran, dass der andere Ihnen keine Schuldgefühle machen kann: Wenn Sie sich schuldig fühlen, dann deshalb, weil Sie glauben, etwas Falsches oder Schlechtes getan oder gesagt zu haben und sich deshalb ablehnen. Bitten Sie den andern, in Zukunft offen über seine Erwartungen zu sprechen, damit Sie diese eher erfüllen oder ihm erklären können, weshalb nicht. Formulieren Sie eigene Regeln, auf die es Ihnen in der Partnerschaft/Freundschaft ankommt. Erst wenn Sie diesen Regeln zuwiderhandeln, müssen Sie alarmiert sein.

Wie begegnet man emotionaler Erpressung?

  • gedanklich dagegensetzen: Ich kann - seine Wut, seine Worte, seine Gefühle zu verletzen, meine Angst - aushalten
  • sich Zeit zu entscheiden nehmen
  • Regeln überprüfen: Wo steht geschrieben, dass ich ... muss?
  • Erwiderungen, wenn man seine Meinung oder Wünsche äußert: Es tut mir leid, wenn du dich so fühlst; Du hast ein Recht auf deine Meinung; Ich kann mir vorstellen, dass du das so siehst; Wir sehen die Dinge unterschiedlich.
  • Der beste Schutz gegen Manipulation durch andere und in der Partnerschaft ist, dass wir lernen, immun gegen Schuldgefühle zu sein. Lesen Sie hierzu auch meinen Psychotipp Schuldgefühle überwinden.

Liebe Leserin, lieber Leser: ich wünsche Ihnen die Fähigkeit, zwischen Ihren und den Interessen der anderen abzuwägen, und die Kraft, sich frei und ohne Schuldgefühle für ein bestimmtes Verhalten entscheiden zu können. Ob Sie für emotionale Erpressungen anfällig sind, das zeigt Ihnen der Test Emotionale Erpressung. Könnte Sie auch interessieren: Selbstbewusstsein stärken - Denkanstöße für Frauen

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F schreibt am 07.09.2020

Ich bin als Kind dauernd von der Mutter emotional erpresst worden und habe meine Wünsche nur als Kompromiss zwischen ihren und meinen Wünschen umsetzen können, wenn überhaupt. Das hat dazu geführt, dass ich meine eigenen Wünsche nicht kenne und dauernd auf Warteposition bin; dauernd warte ich auf wen, nach dem ich mich richten kann. Gleichzeitig verwirkliche ich mich nicht, so dass es mir inzwischen ziemlich schlecht geht. Es ist ein Reflex, dass ich mich zunächst nach der Meinung anderer richte, die es für Leute um mich herum nicht leicht mit mir macht. Wie komme ich nur aus diesem reflexhaften früh angelernten Verhalten heraus, so dass ich klarer mir selbst und anderen gegenüber werde?

Athenodithe schreibt am 04.09.2020

Ich lese und empfehle gerne den PAL Verlag. Doch teils bin ich -selbst als Therapeutin unterwegs- anderer Meinung: "Schuldgefühle sind Gefühle, welche anzeigen, dass man sich schuldig gemacht hat, dass irgendwas falsch läuft." Das sehe ich auch so. Sie annehmen, bearbeiten nach dem Gefühls-ABC, genauso wie alle anderen Gefühle auch. Jedes Gefühl hat seine Berechtigung, wieso nur die Schuldgefühle NICHT? Das ist für mich unlogisch. In der Arbeit funktioniert es auch viel besser, wenn Menschen nach dem ABC mit ihren Schuldgefühlen umgehen, anstatt davon auszugehen, dass diese Gefühle unnütz sind. Natürlich können Schuldgefühle von anderen geschürt werden und dann geht es sicherlich in eine ungünstige Richtung, doch so ist es mit anderen Gefühlen -wie Angst und Wut- ja auch.
Herzliche Grüße und Dank für die tolle Arbeit!

KC schreibt am 29.06.2020

Hallo, vielen Dank für den Artikel. Ich stecke mitten in derder Scheidung, in die mein Mann nicht einwilligen will.Er droht und erpresst mich immer wieder. Da ich darauf nicht wirklich reagiere und inzwischen einen Anwalt eingeschaltet habe, macht ihm das noch wütender. Seit gestern habe ich das Gefühl, er isst nichts mehr. Ich bin es so leid und so wütend. Wenn ich mir jetzt wieder Sorgen mache, macht er sich wieder Hoffnung. Ich muss dringend ausziehen, aber kann ich ihn alleine lassen? Es ist so unglaublich ungerecht.

Eva schreibt am 11.06.2020

Der EX- Partner auf extreme Art und Weise, so dass manche Ihrer Tipps in der vergangenen Situation zu nichts geführt hätten.Natürlich beschäftige ich mich immer noch damit, weil ich an dem Druck fast zugrunde gegangen wäre. Heute läutet die Alarmglocke sehr, sehr früh.Zum Glück habe ich einen Partner, der mich offensichtlich liebt, ohne dass ich dafür etwas leisten muss.Ohne meinen EX hätte ich diese Art der Liebe missverstanden, also war die schwierige Fase für etwas gut.

Gaby schreibt am 04.06.2020

Liebe Frau Wolf,Ich lese ihre Beratungen sehr gerne.Natürlich ist es dann auch mein Thema und es hilft mir gut, wieder klarer zu sehen und stärkt mich.Dankeschön.

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 Welche Techniken der emotionalen Erpressung gibt es?
 Die gebräuchlichsten Strategien der emotionalen Erpressung sind:
 Was steckt hinter der emotionalen Erpressung?
 Wie eine emotionale Erpressung erkennen?
 Was passiert, wenn man emotional erpreßt wird und der Erpressung nachgibt?
 Sind wir herzlos, wenn wir nicht auf eine emotionale Erpressung reagieren?
 Wie sich nicht mehr manipulieren lassen?
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