Eigentlich hätte ich mich schon längst trennen sollen

Uns reicht schon die kleinste Kleinigkeit damit wir uns bis aufs Blut streiten. Das nimmt mir die Luft zum Atmen und ich möchte am liebsten aus der Ehe ausbrechen.

Eigentlich hätte ich mich schon längst trennen sollen
© PAL Verlag

Christiane schildert folgendes Problem:

Uns reicht schon die kleinste Kleinigkeit, damit wir uns bis aufs Blut streiten. Das nimmt mir die Luft zum Atmen und ich möchte am liebsten aus dieser Ehe ausbrechen. Als ich noch jünger war, hätte ich darüber nur gelacht.

Die Vorstellung, dass sich zwei Erwachsene wegen solcher Nichtigkeiten wie einer falsch ausgequetschten Zahnpastatube oder eines nicht richtig zugedrehten Marmeladenglases streiten könnten, war mir völlig fremd. Heute, nach gut 18 Jahren Ehe, gehört das zu meinem Alltag.

Wie oft schon habe ich mir gesagt: Christiane, bedenke doch nur, was andere Menschen für wirkliche, existenzielle Probleme haben. Und dann schäme ich mich, dass mein Leben in so einer Sackgasse gelandet ist. Doch schon der nächste Nieser oder Huster von Olaf, natürlich wie immer ohne Taschentuch oder Hand vor dem Mund, genügt, um mich wieder auf Palme zu bringen.

Seine alten Socken, seine gebrauchte Unterwäsche, wieder und wieder achtlos auf den Boden geworfen, die leeren Bierflaschen, die er nicht wegräumt, die Aschenbecher, die er überquellen lässt - immer wieder zeigt er mir doch seine Missachtung.

Und dann hat er auch noch die Stirn und weist mich zurecht, wenn ich die Zahnpastatube nicht bis auf den letzten Rest ausgedrückt oder den Aufschnitt zu lange aus dem Kühlschrank genommen habe.

Eigentlich hätte ich Olaf schon längst den Koffer vor die Tür stellen oder selbst ausziehen sollen. Aber dann zögere ich doch immer wieder. Nicht nur wegen der Kinder, denen ich nicht den Vater vorenthalten möchte. Und auch nicht nur, weil ich Angst vor dem Alleinsein habe und keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt für mich sehe.

Es klingt verrückt, aber ich habe die Hoffnung immer noch nicht aufgegeben, dass sich Olaf noch ändern könnte. Er war so ein charmanter, attraktiver Mann, als wir uns kennen lernten, das kann doch nicht alles verflogen sein. Aber auch wenn wir uns immer mal wieder vornehmen, uns zusammen zu reißen, die guten Vorsätze halten nicht lange.

Olaf ist so stur, er sieht es nicht ein, dass er sich ändern muss, wenn wir erträglich zusammen leben wollen. Immer sieht er nur meine Fehler, aber nicht seine. Der Gedanke, so den Rest meines Lebens zu verbringen, lässt mich schaudern.

Olaf, ihr Mann, sagt dazu:

Christiane hat einfach immer was zu meckern. An manchen Tagen behandelt sie mich wie ein kleines Kind. Bitte, das kann sie haben: dann bin ich eben auch trotzig wie ein kleines Kind. Wahrscheinlich lässt es sich gar nicht vermeiden, dass sich bestimmte Dinge in einer so langen Partnerschaft einschleifen.

Aber es gibt Sachen, da kann ich nicht über meinen Schatten springen. Das sind so bestimmte Marotten bei ihr, die mich wahnsinnig machen. Dass sie ihre Cremetuben im Bad alle offen stehen lässt zum Beispiel. Oder dass sie nach dem Essen so lange damit wartet, Wurst, Käse und Butter wieder in den Kühlschrank zu stellen, bis die schon ganz warm und angetrocknet sind.

Ich kann das doch nicht noch zwanzig Jahre kommentarlos runterschlucken. Ich verstehe ja selbst nicht, warum wir uns immer wieder in die Haare kriegen. Ich will das ja gar nicht. Wenn wir uns darüber aussprechen, nehme ich mir ganz fest vor, dass alles anders wird. Aber es gelingt mir nicht.

Dr. Doris Wolf antwortet:

In einer Partnerschaft durchlaufen wir verschiedene Phasen. Meist beginnen wir die Partnerschaft auf Wolke 7, auf der uns der Partner als der perfekte Traumpartner erscheint. Dann holen wir ihn sozusagen vom Podest und schauen mehr auf seine Kanten und Schwächen. Wir setzen viel Energie ein, ihn zurecht zu biegen.

Bleiben wir dabei stehen, uns gegenseitig unsere Schwächen vorzuwerfen, dann kostet uns dies viel Kraft und die Liebe stirbt allmählich. Zurück bleiben Enttäuschung, Verbitterung und das Gefühl, ungeliebt zu sein. Wenn alles gut läuft, kommen wir zu dem Punkt, unseren Partner mit seinen Stärken und Schwächen immer wieder aufs Neue zu lieben.

Was Sie tun können

  1. Verändern Sie beide ganz bewusst Ihren Blickwinkel und lenken Sie Ihren Blick darauf, was Ihnen an Ihrem Partner gefällt und was Sie von ihm Positives bekommen.
  2. Entscheiden Sie sich beide für mehr Großzügigkeit. Auf welche Forderungen an den Partner, deren Erfüllung zwar schön wäre, ohne deren Erfüllung sie aber auch gut leben können, könnten Sie verzichten?
  3. Treffen Sie schriftlich eine Vereinbarung, in der jeder von ihnen beiden sich bereit erklärt, eine ganz konkrete Verhaltensweise, die den Partner ganz besonders stört, zu verändern.
  4. Belohnen und loben Sie Ihren Partner, wenn er sich an Absprachen hält, anstatt ihn zu bestrafen, wenn er sie nicht erfüllt.

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Seemoewe schreibt am 17.02.2021

Ich habe schon einige Bücher gelesen von Doris Wolf.
Bin seit 50 Jahren verheiratet, mein Mann ist jetzt 88, ich 75 . In dieser langen Zeit ist viel passiert . Aber er ist in letzter Zeit sehr agressiv , meckert mich an, bestimmt, was ich zu tun oder zu lassen habe. Ein Schreier war er schon immer. Aber eine Trennung kam nie in Frage, heute wo ich alt bin, denke ich , es wäre besser gewesen. Er ist unzufrieden, obwohl er ein gutes Leben hat, ein gutes Einkommen. Aber er hat sich so einen Fitnesswahn zugelegt. Beschäftigt sich nur mit Ernährung, rein vegetarisch, sitzt stunden vorm Handy und Pc. Für mich einfach nicht mehr tragbar. Das Haus verhalte ich alleine, er kümmert sich um nichts. Er ist im Alter zum Egoisten geworden, obwohl er eigentlich recht human ist. Anderen gegenüber. !!
Ob es mir gut geht oder nicht, interessiert ihn nicht und mit 75 bin ich zwar noch fit, aber nicht so wie mit 60 - 65.
Manchmal kommt mir der Gedanke, es könnte eine beginnende Demenz sein.

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