Verzeihen können ist wichtig für den Erhalt der Partnerschaft

Verzeihen in der Partnerschaft ist vor allem für uns selbst heilsam. Warum ist es wichtig, dem Partner zu vergeben? Und was bedeutet das für unseren inneren Frieden? 9 Tipps helfen dir dabei, leichter zu verzeihen.

Verzeihen können ist wichtig für den Erhalt der Partnerschaft
© Priscilla du Preez, unsplash.com

Fast jeder Mensch hat in seinem tiefsten Inneren "unerledigte Baustellen" in Form von Verletzungen und Kränkungen. In nahezu jedem von uns existiert eine "schwarze Liste", in der Handlungen stehen, die wir uns oder anderen nicht verzeihen und vergeben können oder wollen. Solange wir diese Liste nur ab und zu anschauen und uns dann wieder dem aktuellen Tagesgeschehen zuwenden, ist nicht allzu viel dagegen einzuwenden. Viele Menschen befassen sich jedoch täglich mit den Kränkungen, Enttäuschungen und Verletzungen und den daran beteiligten Personen. Sie rufen sich immer und immer wieder in Erinnerung, was sie dem anderen nicht vergeben und verzeihen können. Sie quälen sich täglich damit, darüber zu grübeln: "Warum nur! Wie konnte er oder sie mir so etwas antun. Das kann ich ihm oder ihr nicht vergeben. So darf er oder sie nicht mit mir umgehen."

Verzeihen ist eine innere Einstellung

Im Prinzip können wir alles verzeihen, auch sehr tiefe, erschütternde Verletzungen und Taten. Wir müssen uns aber dazu entscheiden. Nicht die Schwere der Kränkung und Verletzung ist ausschlaggebend, sondern unsere innere Bereitschaft zum Verzeihen. Das ist leichter gesagt als getan, denn es erfordert oft viel Geduld und innere Reflexion, um an den Punkt des Verzeihenkönnens zu gelangen. Dazu kommt, dass Menschen verschieden sind und jede und jeder einzelne bestimmt, was sie oder er vergeben kann und möchte. So gibt es Personen, die einen Seitensprung verzeihen, weil ihnen die Partnerschaft wichtiger ist, weil sie den Menschen, der sie betrogen hat, dennoch weiterhin in ihrem Leben haben wollen. Andere können selbst ein von außen betrachtet weniger schwerwiegendes Verhalten nicht verzeihen: zum Beispiel wenn sie bei der Beförderung übergangen werden oder von einem Freund versetzt werden.

Verzeihen ist das Ergebnis eines langen, bewussten Prozesses, in dem wir sehr persönliche Gedanken und Gefühle reflektieren. Und es ist ein Mind Changer: Denn wenn wir unsere Einstellung ändern und Vergebung zulassen, können wir das Geschehene akzeptieren, Ärger und Enttäuschung loslassen und gelassener und friedvoller in uns leben.

„Sei gut zu dir und vergib den anderen.“

Die buddhistische Weisheit trifft es ganz genau. Denn beim Verzeihen geht es nicht um denjenigen, der mich verletzt hat. Es geht um mich ganz allein.

Was passiert, wenn wir nicht verzeihen?

Wir beschäftigen uns in Gedanken damit, dem anderen Schuld zuzuweisen, ihm sein Verhalten nachzutragen. Da jeder unserer Gedanken sich auch auf unseren Körper und unsere Gefühle auswirkt, bringen uns solche nachtragenden Gedanken aus dem inneren Gleichgewicht. Unser Körper kann mit Erschöpfung, Anspannung, Bluthochdruck, Kopf- oder Magenschmerzen, Schlafstörungen und mit einem Absinken der Abwehrkräfte reagieren. Wir fühlen Hass, Rache, Wut, Verbitterung, Verletzung, Enttäuschung, Ablehnung. Wir verspüren möglicherweise den Wunsch, es dem anderen heimzuzahlen, ziehen uns von ihm oder gar von allen Menschen verbittert zurück.

Es ist ja auch doppelt fies: Wir haben nicht nur Unrecht erfahren, wir müssen danach auch mit den Folgen klarkommen. Unsere Gesundheit leider auf Dauer, wenn wir nicht verzeihen. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Symptome wie Angststörungen, Wut, mangelndes Selbstwertgefühl, Unsicherheit, Bitterkeit oder chronischer Pessimismus weniger werden, wenn wir verzeihen. Und wenn wir psychisch ausgeglichener sind, geht es uns meistens auch körperlich besser.

Was hindert uns, anderen zu verzeihen?

In erster Linie sind wir es selbst. Wir sagen uns: „Sein Verhalten hat mich so stark getroffen. Das kann ich ihm nicht verzeihen!“ Es ist eine Art Bestrafung, die wir mit dem Nicht-Verzeihen bezwecken wollen. Doch wenn wir genauer hinschauen, trifft uns die Bestrafung selbst. Wir kommen nicht zur Ruhe, haben schlaflose Nächte und sind angespannt. Auch unser Stolz und der Glaube, unser Gesicht zu verlieren, stehen uns im Wege, dem anderen zu verzeihen.

Die Angst, der andere könnte sich ermutigt fühlen, sein Verhalten zu wiederholen, ist ein weiteres Motiv, das uns vom Verzeihen abhält. Und schließlich kann der Gedanke "Verzeihen heißt gutzuheißen, wie sich der andere verhalten hat" uns davon abhalten, loszulassen. Wir haben dann das Gefühl, den anderen freizusprechen von dem, was er uns angetan hat. Wir zeigen ihm, dass sein Verhalten nicht falsch war. Aber es ist entscheidend, dass wir uns bewusst machen, dass wir verzeihen können und gleichzeitig weiter missbilligen, was geschehen ist. Wir müssen das sogar tun, um uns selbst nicht zu betrügen. Sonst verfallen wir in eine starre, ablehnende Haltung gegenüber dem Verzeihen und werden nicht loslassen und vergeben können. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Gegenüber uns um Verzeihung bittet. Die Person muss nicht einmal wissen, dass wir verzeihen wollen, wir müssen sie auch nicht wiedersehen wollen. Das Verzeihen ist ein rein innerer Prozess, bei dem wir ausschließlich uns etwas Gutes tun.

Verzeihen ist Selbstheilung und kein Sündenerlass. Das ist oft die größte Hürde, wenn wir verzeihen möchten.

Verzeihen lernen: das Vier-Phasen-Modell nach Robert Enright

Robert Enright, einer der führenden Psychologen auf dem Gebiet des Verzeihens, hat ein hilfreiches Modell entwickelt, um Verzeihen erlernen zu können.

Phase 1: Bewusstes Durchleben

Zunächst sollten wir die vorgefallene Situation genau analysieren. Was ist genau passiert? Dabei sollten wir einen neutralen Blick auf das Geschehene wahren, ohne es zu bewerten. Erst danach untersuchen wir bewusst unsere Gefühle. Verspüre ich Hass, Trauer, Zorn, Wut? Wie steht es um mein Selbstwertgefühl? Will ich mich rächen? Ziehe ich mich zurück? Durch die Analyse können wir klarer sehen und die Konsequenzen für unser Verhalten besser abschätzen.

Phase 2: Sich entschließen, zu vergeben

In dieser Phase müssen wir uns entscheiden, ob wir verzeihen wollen oder nicht. Welche Vorteile hätte ich? Was würde sich in meinen Gefühlen, Gedanken, meinem Verhalten und Körper verändern? Wir entwerfen eine Art Zukunftsszenario, aber an diesem Punkt verzeihen wir noch nicht. Wir machen uns auf den Weg zum Verzeihen – oder eben auch nicht.

Phase 3: Verständnis

Hier tritt zum ersten Mal die Person, die uns verletzt hat, in den Fokus. Warum hat er oder sie so gehandelt? Wir versuchen Verständnis zu entwickeln, ohne aber die Tat gutzuheißen. Wir lernen zu akzeptieren, dass die Tat unumkehrbar ist und Reaktionen wie Rache oder Rückzug für unser Wohlbefinden nicht zielführend sind.

Phase 4: Akzeptanz

In der letzten Phase des Prozesses, erfahren wir, dass es uns guttut, schmerzhafte Gefühle und Verhaltensweisen loszulassen, und erkennen, dass Empathie und Wohlwollen unser Ich wieder in die seelische Balance bringen.

9 Tipps, wie du besser verzeihen kannst

Verzeihen ist kein einzelner großer Schritt. Es ist ein langer Weg mit vielen kleinen Schritten. Und es funktioniert an einem Tag besser und am anderen schlechter. Vielleicht steht am Ende dieses Weges eine Versöhnung, muss sie aber nicht. Wenn du verzeihen möchtest, aber noch nicht genau weißt, wie du es angehen sollst, dann können dich folgende konkrete Tipps unterstützen.

TIPP 1  Rufe dir das Ereignis, das du bisher nicht verzeihen konntest, nochmals in Erinnerung.

Stelle dir die Frage: „Was habe ich dazu beigetragen?“

TIPP 2: Versetze dich einmal in den anderen hinein.

Und frage dich: "Was hat aus seiner Perspektive dazu geführt, dass er sich so verhalten hat?"

TIPP 3: Erinnere dich daran, dass Verzeihen nichts mit Schwäche zu tun hat.

Im Gegenteil, verzeihen ist ein Ausdruck von Stärke. Du tust es in erster Linie für dich und deine Gesundheit. Verzeihen braucht auch kein Freibrief für den anderen zu sein, dass er sein Verhalten wiederholt.

TIPP 4: Du musst das Verhalten des anderen nicht gutzuheißen!

Es ist in Ordnung zu sagen: "Mir gefällt es nicht. Es hat mir wehgetan. Ich akzeptiere, dass er sich mir gegenüber so verhalten hat."

TIPP 5: Reflektiere das Verhalten aus heutiger Sicht.

Überprüfe noch einmal, ob aus der heutigen Sicht dieses eine Verhalten alle anderen positiven Erfahrungen, die du mit diesem Menschen gemacht hast, in Frage stellen kann.

TIPP 6: Schreibe einen Brief.

Wenn du möchtest, dann sprich diesem Menschen gegenüber, von dem du dich gekränkt fühlst, nochmals deine Gefühle aus oder schreibe ihm einen Brief. Vielleicht genügt es dir auch, diesen Brief nur für dich zu schreiben – ohne ihn abzuschicken.

TIPP 7: Schau dir ein Foto dieses Menschen an.

Und sage ihm: "Ich bin bereit, Dir zu verzeihen" – auch wenn du zunächst innerlich heftigen Widerstand verspürst.

TIPP 8: Hole dir Hilfe von außen, wenn du merkst, dass du nicht weiterkommst.

Schon ein Gespräch mit einem Freund oder einer Freundin, die einen Blick von außen auf die Situation haben, kann dich dabei unterstützen, deine Gefühle und Gedanken zu ordnen und dich zu öffnen für andere Perspektiven.

TIPP 9: Übe das Verzeihen.

Je öfter du verzeihst, desto einfacher wird es dir fallen. Dein Selbstwertgefühl wächst, du wirst empathischer und wirst feststellen, dass dich das Verzeihen stärker macht.

Wenn du die Tipps regelmäßig wiederholst, wirst du mit der Zeit das Gefühl der Vergebung verspüren. Geh diese kleinen Schritte. Es lohnt sich, zu verzeihen und loszulassen. Du kannst so wieder zu innerem Frieden finden und im Hier und Jetzt leben. Was hilft es dir, stolz oder stark zu sein und recht zu behalten, wenn dein Körper und deine Seele leiden?

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Maren66 schreibt am 19.09.2021

Ein hilfreicher Artikel, vielen Dank dafür!

Was mir beim Lesen einfiel: Funktioniert das auch, wenn man sich selbst etwas nicht verzeihen kann? Wenn man mit einer eigenen Entscheidung nicht im reinen ist? Schwieriger ist es ja dann, eine Außensicht einzunehmen und die Perspektive zu wechseln…

Viele Grüße und weiter so! Sie bereichern mit Ihrem Newsletter oft meine Sonntage.

Vanilla Kiss 💋 schreibt am 19.09.2021

Ein toller und sehr hilfreicher Artikel. Mein Partner hat mich betrogen, bereut es zutiefst und beteuert immer wieder aufs Neue seine Liebe zu mir. Auch ich liebe ihn und es hat mir beim Verzeihen sehr geholfen zu verstehen, warum er so gehandelt hat damals. Auch ich hatte meine Teilschuld daran, was ich mir nur schwer eingestehen konnte. Wir alle sind nur Menschen aus Fleisch und Blut, wie alle machen Fehler. Wichtig ist, dass so etwas nie wieder vorkommt. Ehe bedeutet Arbeit. Nichts darf man für selbstverständlich nehmen. Man muss dem Partner immer wieder Aufmerksamkeit schenken, Wertschätzung und Beachtung. Und wenn ich sicher sein kann, dass mein Partner mich liebt, dann weiß ich, wird er mich nie wieder so sehr verletzen wie damals. Das ist nun zehn Jahre her. Wichtig ist es, viel zu reden, die Perspektive zu wechseln, um den anderen zu verstehen, Kompromisse einzugehen und nie aufzugeben. Wahre Liebe verzeiht alles!

Nicole schreibt am 29.03.2021

Wer nicht verzeihen kann hat doch letztlich keine Liebe in sich, denn wenn das Herz voll Liebe wäre, dann würde man doch nicht nur die eigene Verletzung sehen. Der andere ist nur das Objekt der eigenen Bedürfnisse und nicht ein Mensch der leidet, deshalb auch Fehler macht aber eben auch Gutes tut, liebt... Nicht zu verzeihen ist auf jeden Fall ichhaft.

Caren schreibt am 23.07.2020

Ja, ich kann verzeihen, was mir angetan wurde. Aber für meine Kinder trage ich die Konsequenzen. Wenn der Mann sich nicht ändert und die Kinder darunter leiden, muss die Trennung folgen.

Leyla schreibt am 20.06.2020

Ich kann nie verzeihen, meinem Partner nicht meinem bruder nicht, meiner Freundin nicht. Ich kann einfach niemandem verzeihen

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