Mein Mann ist furchtbar schnell beleidigt

Ärgerlich war es schon länger - jetzt wirds immer peinlicher: Georg ist so empfindlich dass er bei der kleinsten Gelegenheit beleidigt reagiert.

Mein Mann ist furchtbar schnell beleidigt
© Matthew Henry, unsplash.com

Sabine schildert folgendes Problem:

Ärgerlich war es schon länger - jetzt wirds immer peinlicher: Georg ist so empfindlich, dass er bei der kleinsten Gelegenheit beleidigt reagiert. Was bei anderen ganz selbstverständlich ist, ein kleiner Spaß unter Freunden, wird mit Georg gleich zum Drama.

Am vergangenen Wochenende hatten wir uns mit Freunden getroffen. Es war eine lustige Runde, Bier und Wein taten ihr Übriges. Bis unser Freund Hans dann eine flapsige Bemerkung über Georgs Körpergröße (1,69 Meter) machte. Georg bellte gleich los, was das denn solle, verließ das Zimmer und wurde für den Rest des Abends nicht mehr gesehen.

Wenn wir unterwegs sind, egal ob zum Einkaufen oder zum Essen, glaubt Georg ständig, dass ihm jemand was will. War die Bedienung im Restaurant nicht freundlich genug, hat ihr wohl das Trinkgeld nicht gereicht - Georg ist beleidigt. Stürzt im Kaufhaus nicht sofort ein Verkäufer auf uns zu, fühlt sich Georg missachtet - und ist beleidigt. In der U-Bahn schnappt ihm - aus seiner Sicht - garantiert jemand den besten Platz weg - und beleidigt ihn damit.

Ich wage es schon gar nicht mehr, Kritik zu äußern. Sofort empfindet er alles als Angriff auf seine Person. Und so muss ich es weiter klaglos hinnehmen, wenn er den Toilettendeckel nicht zuklappt oder den vollen Aschenbecher so in die Zugluft stellt, dass die Asche auf den Teppich weht.

Georg und ich sind seit zwei Jahren verheiratet, für uns beide ist es die zweite Ehe. Ein bisschen empfindlich war er ja schon immer, aber in den letzten Monaten hat sich das gesteigert. Ich bin mir deswegen eigentlich keiner Schuld bewusst. Ich glaube nicht, dass ich mich ihm gegenüber anders verhalte als früher. Ihn darauf anzusprechen, traue ich mich nicht, denn dann ist er sofort wieder eingeschnappt.

Georg, ihr Mann, sagt dazu:

Warum soll ich denn immer alles klaglos hinnehmen? Zu den blödesten Sprüchen auch noch gute Miene machen und mitlachen? Witze über meine Körpergröße habe ich mir mein Leben lang schon anhören müssen. Dazu brauche ich keine Freunde, vielen Dank.

Gegen berechtigte, konstruktive Kritik habe ich ja nichts. Nur gegen dieses pseudo-lustige Gelaber. Und gegen dieses Kritisieren um des Kritisierens Willen. Dieses Herummäkeln an Kleinigkeiten, wie meine Frau das ganz gut drauf hat. Ich versuche ja nun wirklich, meine Umwelt so wenig zu nerven wie möglich, nehme Rücksicht wo immer es geht.

Natürlich ist niemand perfekt. Aber wozu bekomme ausgerechnet ich das immer aufs Butterbrot geschmiert? Und dann nervt mich auch die Art und Weise, wie man von so genannten Dienstleistern behandelt wird. Diese herablassende Art von Verkäufern und Bedienungen. Als wäre man nicht fein genug gekleidet. Oder als würde man im Restaurant zu wenig konsumieren. Wenn mir jemand blöd kommt, ziehe ich mich zurück. Ist doch besser, als wenn ich einen Wutausbruch bekomme, oder?

Dr. Doris Wolf antwortet:

Viele Menschen bemerken gar nicht, dass sie sich selbst das Leben schwer machen. Sie haben ihren Radar darauf gerichtet, die vermeintlichen "Gefahren", die ihnen begegnen, zu entdecken. Es ist, als ob sie nur darauf lauern, wer ihnen als nächstes wieder etwas Schlechtes antun will. Sie fühlen sich infolgedessen häufig bedroht und angegriffen.

Partner und Freunde werden von dieser negativen Lebenseinstellung in Mitleidenschaft gezogen. Entweder sie ziehen sich von dem Betreffenden zurück und versuchen, möglichst gar nichts mehr zu sagen, was er in den falschen Hals bekommen könnte. Oder aber sie riskieren den Konflikt und müssen es aushalten, dass der andere sich beleidigt zurückzieht oder aber zurückschießt.

Trotzdem ist niemanden damit gedient, zu verstummen und alles hinunterzuschlucken. Der Empfindliche bemerkt seine wunden Punkte nicht und derjenige, der schluckt, entfernt sich immer mehr von sich und auch vom Partner.

Was Sie tun können

  1. Prüfen Sie, welche Ihrer Wünsche und Sichtweisen Ihnen besonders wichtig sind, und riskieren Sie es, sie zu formulieren. Wenn Sie Ihre Selbstachtung, Liebe und Partnerschaft nicht gefährden wollen, müssen Sie sie äußern. Nur dann hat Ihr Partner einen Anhaltspunkt, was er verändern sollte.
  2. Verbinden Sie Ihre Kritik immer mit einem Lob für die Dinge, die Ihnen gut an Ihrem Partner gefallen. Ihr Partner hat sehr schnell den Eindruck, nicht gemocht zu werden.
  3. Hinter der Empfindlichkeit Ihres Partners steht ein geringes Selbstwertgefühl. Er muss sich zunächst selbst akzeptieren, bevor er sich von anderen akzeptiert fühlt und mit Ablehnung umgehen kann. Eine Therapie wäre eine gute Möglichkeit für ihn.

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